Veröffentlicht am 31. März 2014 von Hans Ulrich Gresch
http://pflasterritzenflora.ppsk.de/neuroleptika-2/
Dass
Neuroleptika schwerwiegende Nebenwirkungen haben, ist seit langem bekannt und
wird von Psychiatern auch nicht bestritten. Das Argument, sie dennoch
einzusetzen, besteht üblicherweise darin, ihre Effektivität zur Verminderung
“psychotischer” Phänomene zu betonen.
Inzwischen wissen wir aber, dass
“Schizophrene”, die mit Neuroleptika behandelt werden, langfristig mit größerer
Wahrscheinlichkeit in psychotische Zustände geraten, als solche, die keine
derartigen “Medikamente” erhalten.
Angesichts dieses Forschungsstandes
ist es also nicht gerechtfertigt, Menschen zur Einnahme dieser Substanzen zu
zwingen. Eine Zusammenfassung der relevanten empirischen Studien durch den
amerikanischen Wissenschaftsjournalisten Robert Whitaker im Blog “Mad in
America” (1) lässt keinen Zweifel daran, dass es sich hier nicht um eine von
vielen möglichen Sichtweisen handelt. Die Sprache der Daten ist
eindeutig.
Wer Neuroleptika aus freien Stücken nehmen möchte, hat
natürlich das Recht dazu, aber die gewaltsame Verabreichung dieser “Medikamente”
kann nicht rechtmäßig sein, auch wenn ihr ein richterlicher Beschluss zugrunde
liegt. Die erwiesenermaßen hohe Wahrscheinlichkeit erheblicher Schadwirkungen
und der höchst zweifelhafte Nutzen entziehen dieser Maßnahme unterm Strich jeden
Anschein der Legitimität.
Es spielt dabei keine Rolle, ob man
“psychotische” Phänomene für Symptome einer Krankheit hält oder nicht: Es ist
nicht redlich, Menschen “Medikamente” mit einer derart miserablen Bilanz von
Vor- und Nachteilen gegen ihren Willen zu verabreichen, selbst wenn man sie für
geistesgestörte Kranke hält.
In seinem Buch “Deadly Medicines and
Organised Crime” schreibt der Mediziner und Leiter des Nordic Cochrane Center,
Peter Gøtzsche über Neuroleptika:
“Eine Meta-Analyse aus dem Jahr
2009, die 150 Studien und 21533 Patienten einbezog, zeigt, dass Psychiater über
20 Jahre hinters Licht geführt wurden. Die Pharmaindustrie erfand eingängige,
aber vollständig irreführende Begriffe wie “atypische Neuroleptika”, doch an
diesen Medikamenten ist nichts Besonderes, und sie sind sehr heterogen, es ist
falsch, sie in zwei Klassen zu unterteilen.”
Dies erwähne ich in
Erwartung des Arguments, dass die neuen, die guten, die modernen Neuroleptika ja
eine positivere Leistungsbilanz hätten als die alten und dass sich die von
Whitaker zitierten Studien vermutlich auf die alten bezögen, daher also die
heutige Situation nicht angemessen widerspiegeln würden.
Es ist jedoch
völlig unerheblich, welche Art von Neuroleptika eingesetzt werden – ob alt, ob
neu: Sie sind gleich gut bzw. gleich schlecht.
Wie beispielsweise Peter
Gøtzsche und Ben Goldacre (Bad Pharma) zeigen, haben Teile der Pharmaindustrie
die Forschung massiv zu ihren Gunsten verfälscht und die Verschreibungspraxis
(nicht nur) in der Psychiatrie mit teilweise unlauteren, sogar gesetzwidrigen
Mitteln beeinflusst.
Neuroleptika sind nicht etwa, wie manche meinen,
keine besonders guten Medikamente gegen “Psychosen”, aber die besten, die wir
hätten. Sie sind in Wirklichkeit gar keine Medikamente, weder gegen Psychosen,
noch gegen sonst irgendetwas. Sie rufen “bestenfalls” abnorme Hirnzustände
hervor, die “psychotische” Phänomene vorübergehend verdrängen, wobei sie
gleichzeitig in Verdacht stehen, diese bei Entzug bzw. langfristig auszulösen
oder zu verstärken. Diese Substanzen sind schwere Nervengifte.
In einem
Eintrag in sein “Director’s Blog” aus dem Jahre 2010 beklagt der Leiter des
“National Institute of Mental Health”, Thomas Insel den Rückzug der
Pharmaindustrie aus der psychopharmakologischen Forschung. Angesichts der Art
des gut dokumentierten Einflusses, den die Pharmaindustrie auf diesen Sektor
ausübte, bin ich mir keineswegs sicher, dass es sich hier um einen
beklagenswerten Vorgang handelt.
Jedenfalls mehren sich in den letzten
Jahren die kritischen Stimmen zum Einsatz von Neuroleptika im Besonderen und von
Psychopharmaka im Allgemeinen aus den Reihen der einschlägig forschenden
Wissenschaft. Wäre ich Verschwörungstheoretiker, so würde ich hier Zusammenhänge
behaupten; doch da ich kein Verschwörungstheoretiker bin, mache ich mir nur im
Stillen meine Gedanken.
Psychiater erwarten von ihren Patienten
“Krankheitseinsicht”. Allerdings verfügen sie über keine objektiven Verfahren,
mit denen sie ihre Diagnosen erhärten könnten. Insbesondere bei Menschen mit
“Psychosen” betrachten sie es als ein Symptom mangelnder “Krankheitseinsicht”,
wenn sich diese Menschen weigern, ihre Medikamente zu nehmen. Offensichtlich
aber sind Neuroleptika keine Heilmittel, und auch die “psychotischen” Symptome
vermögen sie allenfalls vorübergehend zu verdrängen. Warum also sollten
“Psychotiker” krankheitseinsichtig sein und ihre Medikamente nehmen?
Und
was ist mit den “Krankheitseinsichtigen”, die brav ihre Pillen schlucken? Der
kritische amerikanische Psychiater Peter Breggin hält es für möglich, dass diese
“Medikamente” eine Anosognosie auslösen, also eine durch die Vergiftung
hervorgerufene Tendenz zur Verleugnung der Schadwirkungen psychiatrischer
Substanzen (2). Der entsprechende Effekt sei mit dem des Alkohols vergleichbar;
Alkoholiker neigten auch dazu, die Beeinträchtigungen durch diese Droge zu
verleugnen oder zu unterschätzen.
Wer dies für übertrieben hält, sollte
bedenken, dass Neuroleptika und andere psychiatrische Substanzen schwere
neurologische Störungen verursachen können. In ihrem Buch “The Myth of The
Chemical Cure” wirft die britische Psychiaterin Joanna Moncrieff ihren Kollegen
daher vor, eine Epidemie iatrogener, also ärztlich erzeugter Hirnschäden zu
riskieren.
Es gebe keinen Beweis dafür, dass diese “Medikamente”
tatsächlich auf die “psychotischen Symptome” (Paranoia, Halluzinationen etc.)
einwirkten. Es sei nichts Antipsychotisches an den
“Antipsychotika”.
Unter diesen Bedingungen hat man schon Mühe, die
“Krankheitseinsicht” mancher Konsumenten dieser Drogen anders zu erklären als
durch Breggins These.
Wenn Neuroleptika überhaupt wirken, so machen sie
ihre Konsumenten indifferent gegenüber ihren realen Problemen, apathisch und
rufen in extremeren Fällen einen offensichtlichen Zombie-Effekt hervor. Dies
gilt für alle Arten von Neuroleptika, für die klassischen, wie auch für die so
genannten atypischen.
Es mag zwar sein, dass Neuroleptika Aggressivität
und Suizidalität reduzieren, wenn sie im beschriebenen Sinne wirken, nämlich
apathisch machen; aber es ist keineswegs sicher, dass der gewünschte Effekt
tatsächlich eintritt und von Dauer ist.
Aggressivität und Suizidalität
sind aber die Gründe, die eine Zwangsbehandlung angeblich psychisch Kranker mit
Neuroleptika legitimieren sollen. Wenn man Neuroleptika als chemische
Zwangsjacke, unabhängig von ihrer zweifelhaften antipsychotischen Potenz, zur
Verhinderung von Selbst- bzw. Fremdschädigung empfiehlt, so müsste man den
Nachweis führen, dass sie zu diesem Zweck überhaupt tauglich und angesichts
ihrer Schadwirkungen verhältnismäßig sind. Mir sind keine Langzeitstudien
bekannt, die dieser Frage nachgehen, und die Kurzzeitstudien sind uneinheitlich.
In einer neueren Studie (3) heißt es:
“More broadly, the multiple
predictors of violence in people with schizophrenia are not well understood, and
it is unknown whether antipsychotic medication can reduce violent behaviour in
general, or only when such behaviour is associated directly with
psychosis.”
Wir wissen aber, dass gewalttätiges Verhalten bei
Psychotikern häufig nicht direkt mit der “Psychose”, sondern vielmehr mit dem
Missbrauch von Drogen und Alkohol zusammenhängt. Und selbst in jenen Fällen, bei
denen die Neigung zu Gewalttaten direkt mit dem “psychotischen” Erleben
assoziiert ist, wäre die Gewalt vermindernde Wirkung der Neuroleptika ebenso
zweifelhaft wie deren antipsychotische Wirkung, zumindest langfristig.
In
einem Artikel, der in der Psychiatric Times erschien, heißt es:
“Yet,
both typical and atypical antipsychotics (the latter of which have been
considered to have a better profile for reducing the risk of suicide than the
former) have not been shown to have a net positive effect on suicidality
(4).”
Selbst bei Clozapin, der Substanz mit der angeblich besten
suizidpräventiven Wirkung, sei ein abschließendes Urteil aufgrund methodischer
Schwächen der einschlägigen Studien nicht möglich.
Zusammengefasst: Im
Licht der empirischen Forschung können weder die antipsychotische, noch die
antiaggressive bzw. antisuizidale Wirkung der Neuroleptika als gesichert
betrachtet werden. Sicher aber sind die gesundheitlichen Schäden, die mit hoher
Wahrscheinlichkeit durch diese Substanzen hervorgerufen werden. Die bisherigen
Langzeitstudien sprechen dafür, dass die durch Neuroleptika verursachten Schäden
ihre Vorteile bei weitem überwiegen.
Yet, both typical and atypical
antipsychotics (the latter of which have been considered to have a better
profile for reducing the risk of suicide than the former) have not been shown to
have a net positive effect on suicidality.5,6 – See more at:
http://www.psychiatrictimes.com/articles/can-atypical-antipsychotics-reduce-suicide-risk-patients-schizophrenia#sthash.hU7MsbZx.dpuf
Yet,
both typical and atypical antipsychotics (the latter of which have been
considered to have a better profile for reducing the risk of suicide than the
former) have not been shown to have a net positive effect on suicidality.5,6 –
See more at:
http://www.psychiatrictimes.com/articles/can-atypical-antipsychotics-reduce-suicide-risk-patients-schizophrenia#sthash.hU7MsbZx.dpuf
Anmerkungen
(1)
Whitaker, R. (2014). The Fat Lady Has Sung. Mad in America, 30. 04.
(2)
Breggin, P. R. (2006). Intoxication Anosognosia: The Spellbinding Effect of
Psychiatric Drugs, Ethical Human Psychology and Psychiatry, 8, 201-15
(3)
Swanson, J. W. et al. (2008). Comparison of antipsychotic medication effects on
reducing violence in people with schizophrenia. The British Journal of
Psychiatry, 193, 37–43
(4) Aguilar, E. J. (2008). Can Atypical
Antipsychotics Reduce Suicide Risk in Patients With Schizophrenia? Psychiatric
Times, April 15