Die Rückmeldungen auf das Memorandum haben deutlich gemacht, dass
eine breite Debatte der Neuroleptika- behandlung notwendig und wichtig
ist. Um diesen Diskussionsprozess zu fördern und fachlich zu untermauern
wurde aktuell im Fachausschuss Psychopharmaka der DGSP ein Papier mit
den zehn aktuellen Kernaussagen erarbeitet, das wir Ihnen hiermit zur
Kenntnis bringen. (Author: Ricard Suhre
Die Stellungnahme gliedert sich in 10 zusammenfassende
Kernaussagen, Abstracts und verfügbaren Volltexte der hierzu
wesentlichen Studien:
1. Es besteht ein Risiko von Hirnschwund durch Neuroleptika vor
allem im Bereich des Frontalhirns und in Abhängigkeit von der
kumulativen Gesamtdosis (= eingenommene Gesamtmenge). Der Prozess
scheint bereits früh zu beginnen und - möglicherweise abgeschwächt -
über den gesamten Behandlungszeitraum fortzuschreiten (Ho et al 2011;
Radua et al 2012; Fusar-Poli et al 2013) .
2. Begleitete Dosisreduzierung und wenn möglich begleitetes
Absetzen führen zu einer mehr als doppelt so hohen Recoveryrate für
alltagsrelevante Fähigkeiten bei gleicher Rückbildung der Symptomatik in
Experimental- und Kontrollgruppe (Wunderink et al 2013).
3. Neuroleptika sollten daher auch schon in der Akutbehandlung in
der niedrigst möglichen Dosis verordn et werden (Ho et al 2011, McGorry
et al 2013). Dies hat insbesondere Vorteile für die Neurokognition
(Faber et al 2012; Takeuchi et al 2013) und alle anderen dosisabhängigen
Nebenwirkungen.
4. Fazit der Autoren nach einer Studie an 313 Patienten zur
Behandlung mit Quetiapin, Aripiprazol, Risperidon und Olanzapin bei
Menschen über dem 40. Lebensjahr: „Vorsicht ist geboten bei einer
längerfristigen Behandlung mit diesen Substanzen ab dem 40. Lebensjahr.
Diese Substanzen sollten in niedrigen Dosierungen und nur für kurze
Zeit unter enger Kontrolle der Nebenwirkungen gegeben werden" (Jin et al
2012).
5. Die American Psychiatric Association schränkt Ihre Empfehlungen
zur Verordnung verschiedener Substanzen (Polypharmazie) deutlich ein:
die Kombination von zwei oder mehr Neuroleptika sollte erst nach drei
gescheiterten Behandlungsversuchen mit nur einem Neuroleptikum
erfolgen. Hierzu sollte auch wenn möglich ein Versuch mit Clozapin
gehören (APA 2013).
6. Möglichst niedrige Dosierungen sind auch deshalb erforderlich,
um die un günstigen Anpassungsprozesse der Dopaminrezeptoren unter der
Blockade mit Neuroleptika, wie die Vermehrung und weitere
Sensibilisierung der D-Rezeptoren so gering wie möglich zu halten
(Samaha 2008). Die verzögerte Einnahme an nur jedem 2. oder 3. Tag
wurde in zwei Pilotstudien erfolgreich erprobt (Remington 2005 u. 2011).
7. Ein Anteil von Menschen mit Psychosen aus dem sog.
„Schizophrenie-Spektrum" kann nach deutlicher Rückbildung der
Symptomatik unter der Akutbehandlung mit Neuroleptika langfristig auch
ohne Neuroleptika behandelt werden. Dieser Anteil liegt je nach Studie
und therapeutischem Vorgehen längerfristig zwischen 21 % (Wunderink et
al 2013) un d 40 % (Harrow et al 2012).
8. In einer neuen Publikation zu ihrer Langzeitstudie ermitteln N.
Andreasen et al bei längeren unbehandelten Rückfallphasen von insgesamt
1.3 Jahren in den 7 Jahren der Studiendauer eine weitere Abnahme von
frontalem, temporalem und gesamtem Hirnvolumen. Dies zeigt sich jedoch
nicht bei kürzeren und häufigeren Rückfällen. Andreasen empfiehlt die
Gewährleistung einer dauerhaften Medikation (aggressively") von Anfang
an (Andreasen et al 2013). Eine Methodenkritik der Studie und ihrer
Schlussfolgerung findet sich in den folgenden Text.
9. Ca. 40% der ersterkrankten Patienten mit Schizophrenie-Spektrum
Diagnose können von Anfang an und auf Dauer auch ohne Neuroleptika
behandelt werden. Dazu bedarf es geeigneter psychosozialer und
psychotherapeutischer Begleitung (Bola et al 2005; Seikkula et al 2011).
10. Die Praxis der Niedrigstdosierung, der begleiteten Dosisreduktion
und Absetzversuche widerspricht trotz zunächst erhöhter
Rückfallhäufigkeit den bestehenden
Leitlinien in Deutschland.
Sie werden aktuell überarbei tet. Ob sie dem geforderten bzw.
überfälligen Paradigmenwechsel gerecht werden, bleibt abzuwarten. Die
bestehende rechtliche Situation sieht einen Anspruch auf zeitgemäße und
dem anerkannten medizinischen Standard entsprechende Leistungen vor. Die
behandelnden Ärzte sind durch Rechtsnormen schon jetzt gehalten die
Patienten und Patientinnen umfassend zu informieren und aufzuklären, um
so dem Selbstbestimmungsrecht der Patienten und Patientinnen gerecht zu
werden.
Hier nun die Darstellung der Studien. Die Abstracts und -
wenn öffentlich zugänglich - die Volltexte erhalten Sie per Mausclick
oder finden sie im Anhang.
1.) Hirnschwund durch Neuroleptika, abhängig von der kumulative Dosis
über die gesamte Behandlungszeit, zu Beginn der Behandlung vermutlich
noch ausgeprägter.
Diese Studie zu dieser Fragestellung ist methodisch am aufwendigsten:
Ho et al 2011 Abstract über diesen Link
Ho et al 2011 Volltext über diesen Link
Dieser Befund wird in 2 Metaanalysen bestätigt:
Für Ersterkrankte:
Radua et al 2012 Abstract über diesen Link.
Radua et al 2012 Volltext über diesen Link.
Für mehrfach bzw. längerfristig Erkrankte:
Fusar-Poli et al 2013 Abstract über diesen Link
Fusar-Poli et al 2013 Volltext über diesen Link
2.) Im Juli 2013 wurde eine klinische Studie über 7 Jahre veröffentlicht.
Wunderink et al 2013 Abstract über diesen Link;
Wunderink et al (2013) zeigten in dieser randomisierten
Verlaufsstudie über 7 Jahre mit 107 Patienten mit einer ersten
funktional weitgehend remittierten psychotischen Episode, dass
Dosisreduzierung und - wenn möglich - begleitetes Absetzen zu einer mehr
als doppelt so hohen Recoveryrate (alltagsrelevante Funktionsfähigkeit)
von 40,4% führte, bei gleicher Rückbildung der Symptomatik in
Experimental- und Kontrollgruppe mit 68%. Die Kontrollgruppe w urde
ebenfalls mit einer vergleichsweise niedrigen Erhaltungsdosis behandelt.
63,4 % der Patienten in der Experimentalgruppe hatten die Diagnose
einer Schizophrenie oder schizophreniformen Störung. Die Dosisreduktion
wurde 6 Monate nach der Reduktion begonnen und die erzielte Dosis lag
bei
2,8 mg anstatt bei 4,1 mg Haloperidol-äquivalenten, in beiden Fällen erstaunlich gering. Bei
21,1% der Patienten konnten die Neuroleptika in den untersuchten letzten beiden der sieben Jahren
vollständig abgesetzt werden. Weitere 21,1 % erhielten Dosierungen
unter 1 mg Haloperidol-Äquivalenten. Nach anfänglich
erhöhter Rate kürzerer Rückfälle
in den ersten 3 Jahren lag die durchschnittliche Anzahl der Rückfälle
über 7 Jahre in der Experimentalgruppe mit 0,71 um die Hälfte und
signifikant niedriger als in der Vergleichsgruppe. Der deutlich bessere
Verlauf setzte nach 3 Jahren ein. Die weiter e psychosoziale Begleitung
der Patienten entsprach dem auch sonst Üblichen. Eine
psychotherapeutische Behandlung erfolgte nicht.
Dosisminderungen, die bisher kaum für bedeutsam erachtet wurden,
haben somit oft große Vorteile für die Klienten. Dies wird jedoch erst
deutlich, wenn man die erlangten Fähigkeiten, wie Selbstfürsorge,
Haushaltsführung, familiäre, partnerschaftliche und freundschaftliche
Beziehungen, Integration in die Gemeinde und Berufstätigkeit im Alltag
erfasst.
Diese Studie wurde in Medscape Deutschland schon dargestellt und interessant k ommentiert:
Medikation in der frühen Remission nach Psychose: Ist weniger mehr?
Julia Rommelfanger | 22. Juli 2013 |
Womöglich profitieren Patienten, die sich nach einer erstmaligen
psychotischen Episode erholt hatten, von einer frühen Dosisreduktion.
Das zumindest lässt eine neue Studie vermuten, die erstmals Vorteile
einer Dosisreduktion (DR) oder gar des Absetzens von Antipsychotika
gegenüber einer Erhaltungstherapie belegt hat.
„Zum ersten Mal finden wir nun in der Literatur ein Argument dafür, diese konservative Behandlungsstrategie zu überdenken."
Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg
In einem Follow-up von 7 Jahren hatten sich vor allem diejenigen
Studienteilnehmer besonders gut erholt, deren Antipsychotika reduziert
worden waren. 40,4% dieser Patienten berichteten über eine funktionelle
Erholung. Bei den Patienten mit Erhaltungstherapie w aren es nur halb
so viele (17,6%).
Das ist das erstaunliche Ergebnis der Nachbeobachtung in einer
randomisierten Studie, in der Patienten, die erstmalig eine Psychose
erlitten hatten, entweder Erhaltungstherapie oder eine Dosisreduktion
(DR) relativ zeitig in der Remissionsphase erhalten hatten [1] . „Nach
unserer Kenntnis ist dies die erste Studie, die bedeutende Vorteile
einer Dosisreduktion gegenüber einer Erhaltungstherapie bei Patienten
mit remittierender erstmaliger Psychose zeigt", schreiben die Forscher
um
Dr. Lex Wunderink von der Universität Groningen in den Niederlanden in der Online-Ausgabe von
JAMA Psychiatry.
„Ein wirklich überraschendes Ergebnis", bestätigt
Prof. Dr. Andreas Meyer-Lindenberg,
Direktor des Zentralinstituts (ZI) für Seelische Gesundheit in Mannheim
und Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
der Universität Heidelberg, in einem Interview mit
Medscape Deutschland.
„Im Grunde dachten wir bisher, alles andere als Erhaltungstherapie sei
gefährlich, aufgrund der erhöhten Relapse-Rate bei Absetzen der
Therapie. Zum ersten Mal finden wir nun in der Literatur ein Argument
dafür, diese konservative Behandlungsstrategie zu überdenken."
DR gewinnt im Langzeitvergleich
Weltweit ist laut WHO rund 1% der Weltbevölkerung von Schizophrenie
betroffen; die Erkrankung verursacht jedoch genauso viele Kosten wie die
Depression, an der rund 10% der Bevölkerung erkranken. In Europa
belaufen sich die Ausgaben auf rund 100 Milliarden Euro pro Jahr,
besonders infolge der Chronizität der Schizophrenie und den durch die
Erkrankung eingeschränkten Fähigkeiten der Patienten, selbstständig zu
leben.
In Kurzzeit-Studien hatte sich nach Erstmanifestation einer Psychose
eine prophylaktische Erhaltungstherapie im Anschluss an die Akuttherapie
als verlässliche Rückfallprophylaxe bei vielen Patienten erwiesen. Eine
Dosisreduktion war dagegen mit höheren Rückfallraten ohne nennenswerte
Vorteile verbunden. Stärkster Prädiktor für Rezidive war das A bsetzen
bzw. Nicht-Einnehmen des Antipsychotikums.
Um die Langzeitfolgen der verschiedenen Therapieoptionen kurz nach
einer 6-monatigen Remission erstmals zu evaluieren, haben Wunderink und
Kollegen nun 103 Patienten 5 Jahre nach dem Ende einer randomisierten
Studie hinsichtlich des Verlaufs ihrer Psychose in den vergangenen
Jahren befragt. Die Patienten hatten nach Erstmanifestation einer
Schizophrenie und 6 Monaten Remission entweder eine reduzierte Dosis
ihrer Antipsychotika oder eine Erhaltungstherapie mit gleichbleibender
Dosis für 18 Monate erhalten.
Nach 6 Monaten zeigten die Patienten mit Dosisreduktion noch doppelt
so hohe Rezidivraten wie die Patienten mit Erhaltungstherapie; jedoch
glichen sich die Kurven beider Therapie-Arme nach etwa 3 Jahren an.
Insgesamt erlitten 65% aller Patienten in den 7 Follow-up-Jahren
mindestens einen Rückfall. „Vielleicht schiebt die Erhaltungstherapie
die Rezidive nach hinten, verglichen mit der Dosisreduktion, aber
verhindert sie nicht", spekulieren die Autoren.
Hinsichtlich der Remission der Symptome unterschieden sich die beiden
Gruppen nicht signifikant, im Gegensatz zur funktionellen Erholung, die
von den Patienten in der Dosisreduktions-Gruppe erheblich besser
eingestuft wurde.
In Deu tschland empfehlen die Richtlinien eine mindestens 12-monatige
Erhaltungstherapie nach Erstmanifestation einer Psychose, um Rückfällen
vorzubeugen. „Falls sich die Ergebnisse in weiteren Studien bestätigen,
spricht vieles für eine Dosisreduktions-Strategie bei diesen
Patienten", sagt Meyer-Lindenberg. Zudem plädiert er in der Zukunft für
eine stärkere Individualisierung der Therapie. „Nebenwirkungen der
Antipsychotika wie Gewichtszunahme oder Potenzstörungen und andere
Bedenken der Patienten nehmen wir sehr ernst", sagt er. „Dann ändern wir
die Therapie, weil sonst die Adhärenz sinkt."
Ein weiterer Aspekt, der die Therapie beeinflusst: Bei den meisten
Patienten schränken nicht die Positiv-Symptome ihre Funktionalität ein,
sondern kognitiv-negative Aspekte wie fehlender Antrieb ode r
Konzentrationsschwäche. „Auf diese Parameter sind wir bisher zu wenig
fokussiert", gibt Meyer-Lindenberg zu. „Um diese zu behandeln, müssen
neue Medikamente entwickelt werden", etwa solche, die den
Neurotransmitter Glutamat hemmen. Diese kommen jedoch nicht in den
nächsten 2 Jahren zum Einsatz", spekuliert er.
Experten fordern: Schwerpunkt auf funktionale Kriterien legen
Wunderink und Kollegen fordern, dass funktionelle Kriterien in
künftigen Studien zur Behandlung von Schizophrenie mehr Bedeutung
beigemessen werden sollte, genauso wie längere Follow-ups, da „sich
kurzzeitige Nac hteile wie höhere Rezidivraten auf längere Zeit
ausgleichen und sich Vorteile, die in der Kurzzeit-Evaluation nicht
ersichtlich waren, etwa funktionelle Gewinne, erst nach einem
Langzeit-Monitoring gezeigt haben".
Ebenso plädieren
Dr. Patrick McGorry und Kollegen
von der Universität Melbourne, Australien, dafür, bei der Therapiewahl
für Patienten in der Remission einer erstmaligen Psychose funktionelle
Aspekte stärker als bisher zu berücksichtigen. „Das Behandlungsziel nach
erstmaligem Auftreten einer Psychose sollte eine möglichst vollständige
funktionelle Wiederherstellung sein", schreiben sie in einem Editorial
zu der Studie von Wunderink und Kollegen [2]. Dies beinhalte ein
sinnvolles Leben mit Wiedereinstieg in den Beruf, positiven Beziehungen,
sozialer Integration und guter körperliche r Gesundheit. In dieser
Hinsicht demonstriere die aktuelle Studie, dass hinsichtlich der
Medikation in der frühen Remissionsphase „weniger mehr ist".
3.) Neuroleptika sollten daher auch schon zur Akutbehandlung in der
niedrigst möglichen Dosis, verordnet werden (Ho et al 2011; McGorry et
al 2013).
Neuere Studien zeigen insbesondere eine Verbesserung der kognitiven Funktionen nach Reduktion der neuroleptischen Dosis.
Faber et al 2012 Abstract über diesen Link;
Takeuchi et al 2013 Abstract über diesen Link;
oder durch Wechsel von Polypharmazie auf Monotherapie.
Hori et al 2013 Abstract über diesen Link;
Auch für alle anderen dosisabhängigen Nebenwirkungen ist dieses
Vorgehen ausgesprochen vorteilhaft: extrapyramidal motorische
Nebenwirkungen, Akathisie, Dysphorie, Prolaktin, QT-Zeit Verlängerung,
metabolische Nebenwirkungen und kardiovaskuläre Erkrankungen.
4.) Bei
Menschen über 40 Jahren sind Nebenwirkungen
besonders ausgeprägt. Die mittelfristigen Folgen einer Behandlung mit
Aripiprazol, Olanzapin, Risperidon und Quetiapin bei Patienten über dem
40. Lebensjahr zeigt eine kürzlich publizierte Studie an 332 Patienten
mit psychotischen Symptomen bei Schizophrenie, Bipolarer Störung,
Posttraumatischer Belastungsstörung (PTSD) und Demenz über 2 Jahre (Jin
et la 2012). Ein bis zwei dieser Medikamente konnten durch den Patienten
ausgeschlossen werden, danach wurden sie per Zufall den anderen
Substanzen zugeordnet. So konnten 83% der Studienpatienten aufgenommen
werden, die sonst in anderen Studien ausgeschlossen werden. Die
Dosierungen waren relativ niedrig. Die Ergebnisse waren weitgehend
störungsunabhängig. Die Symptomatik der vorbehandelten Patienten wurde
durch die Einnahme dieser Medikamente nicht signifikant besser. Der
Studienarm mit Quetiapin wurde wegen der hohen Rate von schweren
Nebenwirkungen bei 38.5% der Patienten im Vergleich zu 19% unter den
anderen „Atypika" vorzeitig beendet. Die durchschnittliche Dauer bis zur
ungewollten Beendigung der Behandlung mit der jeweiligen Substanz
betrug 26 Wochen, lag unter Quetiapin mit 78,6 % und unter Aripiprazol
mit 81,5 % am höchsten, war für alle Substanzen jedoch insgesamt nicht
signifikant unterschiedlich. Diese Behandlungsabbrüche waren unabhängig
von der Diagnose und erfolgten in 51,6 % aufgrund von Nebenwirkungen.
Bei 24% der Patienten traten schwere, bei 51% andere Nebenwirkungen auf.
Zwischen den Neuroleptika bestanden keine signifikanten Unterschiede im
Auftreten von metabolischen Nebenwirkungen. In 36,5 % der Fälle, die zu
Beginn kein metabolisches Syndrom (= 50%)
1 hatten, entwickelte sich ein solches.
Fazit der Autoren: Vorsicht
ist geboten bei einer längerfristigen Behandlung mit diesen Substanzen
ab dem 40 . Lebensjahr. Diese Substanzen sollten in niedrigen
Dosierungen und nur für kurze Zeit unter enger Kontrolle der
Nebenwirkungen gegeben werden. Eine gemeinsame Entscheidung mit dem
Patienten und seinen Angehörigen wird empfohlen, die eine Diskussion der
Vor- und Nachteile dieser Substanzen und der verfügbaren Alternativen
einschließt.
Jin et al 2013 Abstract über diesen Link
Jin et al 2013 Volltext über diesen Link / p>
5.) Zur Verordnung von 2 oder mehr Neuroleptika (Polypharmazie)
empfiehlt die American Psychiatric Association (APA) in ihren neuen
Leitlinien:
„Verschreiben Sie nicht routinemäßig zwei oder mehr Neuroleptika
gleichzeitig. Die Forschung zeigt, dass zwei oder mehr Neuroleptika in 4
bis 35% der ambulanten Patienten und 30 bis 50% der stationären
Patienten verwendet werden. Allerdings ist der Nachweis für die
Wirksamkeit und Sicherheit der Anwendung mehrerer Neuroleptika
beschränkt, und das Risiko für Wechselwirkungen mit anderen
Medikamenten, für Non-Compliance und Medikationsfehler ist erhöht. Im
Allgemeinen sollte die Verwendung von zwei oder mehr Neuroleptika
vermieden werden, außer in Fällen nach drei fehlgeschlagenen Versuchen
einer Monotherapie, einschließlich einem misslungenen Behandlungsversuch
mit Clozapin, sofern möglich oder einem solchen mit einem 2.
Antipsychotikum, wenn das zweite Antipsychotikum mit der Absicht der
Umsetzung auf Monotherapie hinzugefügt wurde."
APA 2013 No 2 Volltext über diesen Link
6. Möglichst niedrige Dosierungen sind ebenfalls erforderlich, um die
ungünstigen Anpassungsprozesse des Dopaminrezeptors unter der Blockade
mit Neuroleptika, wie Vermehrung und weitere Sensibilisierung so gering
wie möglich zu halten.
Samaha 2008 Volltext über diesen Link
Daher wurde die verzögerte Einnahme an nur jedem 2. oder 3. Tag in zwei Pilotstudien erfolgreich erprobt.
Remington et al 2011 Abstract über diesen Link
Remington et al 2011 Volltext über diesen Link
7.) In einer Langzeitstudie über 20 Jahre konnte gezeigt werden, dass
ca. 40% der Menschen mit einer Schizophrenie-Diagnose nach einer
initialen antipsychotischen Akutbehandlung längerfristig auch ohne
Neuroleptika auskommen. Die Patienten dieser Studie hatten allerdings
die Neuroleptika meist selbständig abgesetzt, oft gegen ärztlichen Rat.
Harrow et al 2012 Abstract über diesen Link
Harrow et al 2012 Volltext über diesen Link
Folien dazu von Robert Whitaker über diesen Link
Das Erstaunliche dieser Langzeitstudie war, dass die Patienten, die
erfolgreich Neuroleptika abgesetzt haben, sich zu Beginn in der Schwere
ihrer Symptomatik nicht von den Patienten unterschieden, die
Neuroleptika fortgesetzt einnahmen. Erst allmählich nach 2- 3 Jahre
verbesserte sich ihr Zustand zunehmend und sie erreichten einen deutlich
besseren Recovery-Zustand als die Vergleichsgruppe unter Neuroleptika.
(siehe Fig 1., S. 4 in Harrow et al 2012)
8. Im Gegensatz dazu empfiehlt Frau Andreasen in dieser neuesten Studie (
Andreasen et al 2013) für
jeden Patienten mit Schizophrenie eine Langzeitmedikation, obwohl nur
länger andauernde Rückfälle mit Hirnabbau korreliert
waren und kürzere Rückfälle diesen Effekt in der Studie nicht zeigten.
In dieser jüngsten Publikation von N. Andreasen zu Ihrer Langzeitstudie
wurden neben der antipsychotischen Medikation auch die Dauer der
Rückfälle und ihre Anzahl mit den gesamten und fokalen Hirnvolumina
korreliert.
Andreasen et al 2013 Abstract über diesen Link
Andreasen et al 2013 Volltext über diesen Link
Sowohl die definierte antipsychotische Gesamtdosis wie auch eine
längere Rückfalldauer, jedoch nicht die Anzahl der Rückfälle korrelierten
mit der Verminderung des gesamten und fokalen Hirnvolumen s auch nach
Kontrolle der jeweils anderen Kovariablen. Für die Antipsychotika wurde
eine durchschnittliche Tagesdosis in Äquivalenz zu 4 mg Haloperidol über
4 Jahre zugrunde gelegt. Bei dieser Auswertung wurden jedoch die
Unterschiede in den Dosierungen, wie sie bereits für die Publikation Ho
et al 2012, Tab 1 ermittelt wurden, nicht berücksichtigt:
Die Angaben in der Vorpublikation zeigen jedoch, dass Dosierungen im
Untersuchungszeitraum von 4 auf 11 mg Haloperidol-Äquivalente
kontinuierlich anstiegen. (54 mg CPZ = 1 mg Hal.) Zeitpunkt MRT und
Dosishöhe: 1. MRT = ca. 4 mg; 2. MRT = ca. 6 mg; 3. MRT = ca. 8 mg; 4.
MRT = ca. 10 mg; 5. MRT = ca. 11 mg./ p>
Die Rückfalldauer über den gesamten Zeitraum betrug im Durchschnitt
1,34 Jahren. Viele Patienten hatten jedoch deutlich kürzere Rückfälle.
Und für den durchschnittlichen Untersuchungszeitraum von 7 Jahren wurde
kein signifikanter Einfluss der Anzahl der Rückfall-Episoden auf die
Abnahme der Hirnvolumina festgestellt.
Unter Berücksichtigung der weiteren dargestellten Studien scheint
jedoch das gut professionell begleitete Reduzieren und ggf. Absetzen der
Medikation sinnvoller zu sein, um längere unbehandelte Rückfallphasen
durch erneute niedrig dosierte Medikation zu vermeiden. Dies empfehlen
auch die NICE Leitlinien 2 009 zur Schizophrenie aus Großbritannien.
NICE Schizophrenie 2009 S. 21
9. Dass bei einem Anteil von meist 40% der ersterkrankten Patienten
mit Schizophrenie-Spektrum Diagnose von Anfang an und auf Dauer auch
ohne Neuroleptika behandelt werden kann, stellte eine Übersichtsarbeit
der fünf quasi-experimentellen oder randomisierten Studien dazu
zusammen:
Bola et al 2009 Abstract über diesen Link
Bola et al 2009 Volltext über diesen Link
Und wenn man nun noch die Ergebnisse aus der Region mit der größten
aktuellen Erfahrung in diesem Vorgehen berücksichtigt, so zeigen diese
bei den Patienten mit erster nicht- affektiver psychotischer Episode
einen Anteil von 70%, der ohne Neuroleptika behandelt werden konnte.
Hier sind jedoch auch Patienten mit kürzeren psychotischen Episoden mit
eingeschlossen worden. Ohne die hier gelungene Frühintervention (ohne
Neuroleptika) hätten sich jedoch viele dieser kürzeren psychotischen
Episoden mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer sog. Schizophrenie
entwickelt.
Seikkula et al 2011 Volltext über diesen Link
10.) Die Kernaussagen müssen Eingang in die Behandlung finden. Patienten haben einen
Anspruch auf zeitgemäße Leistungen (§ 17(1) SGB I) und auf
Leistungen, die dem allgemein anerkannten Stand der medizinischen
Erkenntnisse entsprechen (§ 2(1) SGB V). Die Kernaussagen sind in die
Aufklärung durch den Arzt einzubeziehen (Patientenrechtegesetz, § 630c
BGB Informationspflicht und § 630e Aufklärungspflicht). Der Grundsatz
„Verhandeln st att Behandeln" oder die partizipative
Entscheidungsfindung muss für die Arzt-Patient-Kommunikation bestimmend
werden (S3-Leitlinie Psychosoziale Therapien bei schweren psychischen
Erkrankungen 2012, S.27f). Nur so kann Autonomie, Selbstbestimmung und
die Freiheit, eigene Entscheidungen zu treffen im Bereich der Gesundheit
umgesetzt werden (UN-Konvention zu den Rechten behinderter Menschen,
Artikel 3). Patienten müssen bei der Umsetzung ihrer Rechte gestärkt
werden. Patienten- und Verbraucherberatung (§ 65b SGB V) sind
weiterzuentwickeln.
Unter diese beidem LINKS finden Sie diesen Text mit allen Abstracts in 2 Teilen zum Speichern oder Ausdrucken.
Teil 1
Teil 2
Weitere Infos im Internet:
http://www.dgsp-ev.de/
und
http://www.psychiatrie.de/dgsp/