Samstag, 29. Oktober 2016

Freiheitsentzug in Deutschland


Freiheitsentzug ist wider die Natur, schlimm, schädigend, die Freiheit
des Menschen ist unverletzlich. Sie darf nur jemandem genommen werden,
der eine Straftat begangen hat. Freiheitsentzug ist eine Strafe und eine
Straftat.
Anton wird die Freiheit entzogen, weil eine emotionale Dünnhäutigkeit
noch nicht wegmedikamentiert ist. Bei Bertram ist eine Impulsivität noch
nicht wegmedikamentiert, und Christoph will nicht genug Medikamente
gegen eine Angst einnehmen. Nun sind Dünnhäutigkeit, Impulsivität und
Angst keine Straftaten, aber Gründe für den unbefristeten
Freiheitsentzug. Wegen der begangenen Straftat hätte Anton die Freiheit
für sechs Monate verloren. Er liegt jetzt bei drei Jahren, wegen der
Dünnhäutigkeit. Bertram wäre die Freiheit für neun Monate entzogen
worden, er liegt jetzt, wegen der Impulsivität, bei acht Jahren.
Christoph hätte für zwei Jahre hinter Gitter gemusst, wegen der Angst
ist er nun seit sieben Jahre weggesperrt.
Wem die Freiheit entzogen wird, der erlebt Gewalt: /Es wird immer dann
von Gewalt gesprochen, wenn eine Person vorübergehend oder dauerhaft
daran gehindert wird, ihrem Wunsch oder ihren Bedürfnissen entsprechend
zu leben. Gewalt heißt also, dass ein ausgesprochenes oder
unausgesprochenes Bedürfnis einer Person missachtet wird. Gewalt kann
somit verstanden werden als eine Einwirkung auf Personen, in die sie
nicht einwilligen und mit der sie nicht einverstanden sind
/(http://www.uk-bw.de/fileadmin/ukbw/media/dokumente/praevention/bgm/literatur/ProDeMa-Broschuere.pdf).
Wie lebt man, ohne die Möglichkeit der Bedürfnisbefriedigung? Ohne Nähe,
Kontakt, Anregung, Bewegung, wie lebt man fremdbestimmt, unter
Bedingungen, die man nicht will?
Christoph läuft Milch aus der rechten Brust, er bekommt nicht genug Luft
und er hat Herzrasen. Das kommt von den Medikamenten und er hat Angst,
durch die Medikamente vergiftet zu werden. Bertram ist schon Freigänger
gewesen, er hat Arbeit gefunden und eine Wohnung. Geh zurück auf Los,
sagt man ihm im Maßregelvollzug, weil er Computerteile verkauft hat.
Arbeit weg, Wohnung weg, der Maßregelvollzug beginnt von vorn, da hat er
impulsiv einen Schrank zerschlagen. Anton hat es nicht mit ansehen
können. Der Aufzug ist kaputt und ein Mitpatient, der plötzlich nicht
mehr laufen kann und im Rollstuhl sitzt, kann nicht raus an die Luft.
Wir können ihn doch auf einer Trage die Treppe hinunter bringen, schlägt
er der Therapeutin vor. Die herrscht ihn an, er solle den Mund halten
und sich hinsetzten. Von ihr lasse er sich den Mund nicht verbieten, das
sagt er laut und entschieden, in seiner Dünnhäutigkeit.
So steht das in den Stellungnahmen der Kliniken, und es sind drei
verschiedene, zur Notwendigkeit der Fortdauer der Unterbringung. Der
Maßregelvollzug ist ein Selbstläufer. Die Unterbringung wird mit
normalen Reaktionen auf die Unterbringungsbedingungen, in einem
Zirkelschluss begründet.
Eva Schwenk
Dipl. Psychologin und Buchautorin

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