Donnerstag, 7. Januar 2016

Drug Holiday – Durch abrupte Psychopharmaka-Absetzung werden quälende Entzugssymptome erzeugt!

Drug Holiday – Durch abrupte Psychopharmaka-Absetzung werden quälende

Entzugssymptome erzeugt! 

 

Drug Holiday“
Autorin: Eva Schwenk (Diplom Psychologin, Buchautorin)
Manchmal müssen Menschen zu ihrem Glück gezwungen werden. „Drug Holiday“ oder „paradoxe therapeutische Intervention“ nennt man eine solche Maßnahme bei psychisch kranken Straftätern. Die Strafkammern und Strafvollstreckungskammern, die über die Unterbringung und die Fortdauer der Unterbringung zu entscheiden haben, wissen darüber Bescheid: Zum anderen ist der Kammer aus einer Vielzahl weiterer Verfahren bekannt, dass die Klinik in vergleichbaren Fällen wie dem des Untergebrachten in denen deutliche Zustandverbesserungen aufgrund neuroleptischer Medikation festzustellen sind die vom jeweiligen Patienten aber bei fortbestehender Krankheitsuneinsichtigkeit nicht den Medikamenten sondern anderen Umständen zugeschrieben werden, mit Erfolg einen Medikamentenabsetzversuch im Sinne einer paradoxen therapeutischen Intervention anwendet, um den jeweiligen Patienten durch ein klinisch kontrolliertes Zulassen des Wiederauftretens psychotischer Symptome von der Notwendigkeit der Medikamentation zu überzeugen. Die Medikamente werden abgesetzt, woraufhin es dem Patienten schlechter geht. Er macht die Erfahrung, dass ihm die Medikamente helfen und nimmt sie fortan freiwillig. Das klingt einleuchtend.
Bei Piotr K.(Name frei erfunden) hat die Klinik diese Maßnahme angewandt. Buchstäblich mit Händen und Füßen hat er sich gegen die Verabreichung eines Neuroleptikums gewehrt, das ihm alle zwei Wochen gespritzt wurde: Aufgrund der nach wie vor nicht als zufriedenstellend zu bezeichnenden Erfolge der psychopharmakologischen Behandlung, wurden im Juli XX alle verordneten Psychopharmaka im Rahmen eines streng kontrollierten Auslassversuches (‚drug holiday‘) abgesetzt. Die im Rahmen der intramuskulären Verabreichungen der Depotmedikation, regelmäßig auftretenden Aggressionen, fielen dadurch naturgemäß weg. …  Im Laufe des Augusts und Septembers XX blieb das Verhalten und Erleben des Patienten im Wesentlichen unverändert. … Im Oktober XX verschlechterte sich der psychopathologische Zustand des Patienten im Gegensatz zu den Vormonaten schließlich doch. Das Verhalten wurde zunehmend distanzgemindert, provozierend und sexualisierend. Der Patient verweigerte schließlich auch die regelmäßige Nahungsaufnahme und Köperpflege und es konnte nur mit erheblichen pflegerischen Bemühungen ein verantwortbarer Standard aufrecht erhalten werden. … Anfang November XX verschmierte Herr K. Kot in seinem Zimmer und äußerte, dass er dies absichtlich gemacht habe, damit das Pflegepersonal dies säubern müsse. In wahnhafter Verkennung war er der Überzeugung, ein Prinz zu sein, der sein Volk verteidigen müsse. Des weiteren schilderte er psychotisch bedingte vermeintliche sexuelle Kontakte mit verschiedenen Frauen. Vermutlich auch bedingt durch die akute Exazerbation [Verschlechterung] des psychotischen Erlebens, demolierte der Patient sein in seinem Zimmer befindliches Fernsehgerät. Am 05.11.XX trank er Schampoo und musste im Anschluss daran engmaschig kontrolliert und überwacht werden. Des weiteren zu beobachten waren vermehrte Selbstgespräche, Agitation und ausgeprägte Affektlabilität mit weiterhin regelmäßigen Impulsdurchbrüchen. Am 15.11.XX verschlechterte sich der psychopathologische Zustand erneut massiv. Er war völlig desorientiert, kotete erneut in sein Zimmer und war massiv verbal aggressiv und schien sehr getrieben und innerlich gespannt. Er zeigte schließlich deutliche selbst- und fremdgefährdende und verletzende Verhaltensweisen sowie erheblich sexualisierende Handlungen (exhibitionistische Handlungen und offenes Masturbieren). … Zu diesem Zeitpunkt leistete der völlig hilflos und überfordert wirkende Patient weder gegen die Verabreichung der Medikation, noch gegen die durchgeführte Blutentnahme oder die Fixierung Widerstand. Schlimm! Alle Achtung vor dem Pflegepersonal. Wenn ein Mensch in einem solchen Zustand vor sich hin vegetiert, muss wirklich alles unternommen werden, damit er seine Medikamente bekommt und nimmt, zu seinem eigenen Besten.
Die Medikamente um die es geht, die Neuroleptika, blockieren in den Nervenzellen des Gehirns die Aufnahme des Botenstoffes Dopamin, der in den verschiedenen Funktionseinheiten des zentralen Nervensystem eine entscheidende Rolle spielt. Er ist wichtig für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Gefühlen und für die Aufrechterhaltung der geistigen Leistungsfähigkeit; er reguliert unseren Antrieb und unsere Motivation, unser Empfinden von Lust und Lebensfreude, er hilft uns unsere Aufmerksamkeit zu steuern. Für die Durchblutung der inneren Organe ist er wichtig, besonders der Bauchorgane und in den Hormonhaushalt greift er regulierend ein. Die Anspannung unserer Muskeln steuert er und ermöglicht uns die Kontrolle über unsere Bewegung. Dopamin ist lebensnotwendig. 75% der Menschen setzen die neuroleptischen Medikamente innerhalb von 18 Monaten wieder ab. Für die meisten ist es kaum auszuhalten nur noch einen eingeschränkten Zugang zum Denken und Fühlen zu haben, die eigenen Bewegungen nicht steuern zu können, keine Lust am Leben empfinden zu können. Aber, was dann passiert, haben wir gerade gelesen. Unbestritten ist es doch wohl besser, weniger von einem ohnehin kranken Denken und Fühlen mitzubekommen, als in einem solchen Zustand zu verbleiben. Mit Piotr K. wurde die Maßnahme ein zweites Mal durchgeführt, er hat nicht einmal mehr gegessen und getrunken:Als er schließlich aufgrund massiver psychotischer Symptomatiken völlig hilflos war (stark eingeschränktes Bewusstsein, keinerlei Orientierung, völlige Apathie etc.), wurde das Einschreiten zur Abwendung gesundheitsschädigender bzw. sogar lebensbedrohlicher Zustände erforderlich. Zur Behandlung der akuten Exsikkose (Austrocknung durch starken Flüssigkeitsverlust) erfolgte die Verlegung in das zuständige Allgemeinkrankenhaus, wo sogar ein anfängliches Nierenversagen festgestellt wurde. Die Flüssigkeitszufuhr konnte zunächst durch eine Infusion gewährleistet werden. Da der Patient allerdings weiterhin auch die Nahrungsaufnahme verweigerte, musste dort einige Tage später eine Magensonde (PEG-Sonde) zum Erhalt der Nahrungsaufnahme gelegt werden. Damit müsste wirklich jedem klar sein, wie notwenig die psychopharmakologische Behandlung psychisch Kranker ist.
Piotr K. hatte kurz nach seinem Abitur einen Autounfall, nicht selbst verschuldet, er saß auf dem Rücksitz des Wagens. Wochenlang wusste niemand, ob und wie er aus dem Koma nach der schweren Hirnverletzung wieder erwachen würde. Er schaffte es und körperlich ging es langsam wieder bergauf, doch studieren würde er nicht mehr können. Er konnte nichts mehr behalten und sich nur ganz schwer konzentrieren. Piotr K. lebte seit seinem elften Lebensjahr bei seinem Vater, einem vermögenden Industriellen und wurde behandelt wie ein Prinz. Nach dem Unfall ließ er ihn fallen. Er brachte Piotr zu seiner Mutter nach Deutschland, beantwortete keinen seiner Briefe, ließ sich am Telefon verleugnen. Piotr K. wurde psychisch krank, er erklärte seine Bedürfnisse zur Wirklichkeit, redete mit dem Vater, fragte ihn um Erlaubnis oder um Rat, bestand darauf ein Studium aufzunehmen. In einem Brief schrieb der damals 23-Jährige: Hallo Vater, ich befinde mich jetzt in einer Klinik in der Nähe von … Wenn Du Vater, mich anrufen möchtest, dann kannst Du das machen. Ich glaube, dass Du mitgekriegt hast, dass ich nicht studieren kann und mich deswegen zur Mama geschickt – sie sollte sich um mich kümmern. Ich bin der Meinung, dass das nicht in Ordnung ist von Deiner Seite. Vorher hast Du mich gegen meine Mutter aufgehetzt, und seitdem Du erfahren hast, dass man mit mir nichts mehr machen kann, hast Du mich weggeschickt wie nutzlose Ware. Ich habe gedacht, das alles machst Du für mich aus Liebe, weil ich Dein Sohn bin, aber ich habe mich getäuscht. Ich möchte gern Kontakt zu Dir aufnehmen, aber die Telefone in der Klinik funktionieren nicht. Die Telefone funktionierten, doch dass sein Vater für ihn nicht mehr erreichbar war, konnte Piotr K. nicht verarbeiten. Geholfen haben ihm die Fachleute in der Klinik bei der Aufarbeitung seiner Problematik nicht. Sie wird in keinem einzigen Arztbericht erwähnt. Man hat die Diagnose einer Schizophrenie gestellt, die neuroleptisch zu behandeln sei. Nach acht Jahren diagnostizierte man eine Demenz und erst nach fünf weiteren Jahren diagnostizierte ein Gutachter eine Persönlichkeitsstörung infolge der Hirnverletzung. Unglaublich. Oder? Persönlichkeitsstörungen können nicht neuroleptisch behandelt werden.
Während des ersten psychiatrischen Aufenthaltes nahm Piotr K. die Medikamente noch freiwillig, in den neun darauf folgenden Aufenthalten nicht mehr. Sie würden ihm schaden, sagte er. Kaum eine Medikamentierung ließ er freiwillig über sich ergehen, gegen die geschlossene Unterbringung begehrte er regelmäßig auf, wieder und wieder wurde er fixiert, die psychopathologische Symptomatik veränderte sich nicht, egal welches Neuroleptikum man ihm verabreichte, egal in welcher Dosishöhe und Mehrfachkombination. In den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaft DGPPN steht zur Behandlung aggressiven Verhaltens im Kapitel 8.5.7: Die Einleitung einer Strafverfolgung darf nicht primär dem Ziel dienen, sich schwer zu behandelnder Patienten zu entledigen, indem sie in die forensische Psychiatrie transferiert werden. Piotr K. wurde im Alter von 31 Jahren nach § 63 StGB zur Unterbringung in der forensischen Psychiatrie verurteilt. Er soll in der Allgemeinpsychiatrie eine Pflegekraft angegriffen haben, verletzt hat er sie nicht. Wenige Minuten nach einer zehntägigen Fixierung soll es passiert sein.
Auf die Blockade der Dopaminrezeptoren durch Neuroleptika reagiert das Gehirn kompensatorisch. Es versucht den lebensnotwendigen Botenstoff weiterhin ausreichend aufnehmen zu können, indem es bis zu 100% neue Rezeptoren ausbildet und die Rezeptoren bis zu 300% übersensibilisiert. Werden die Neuroleptika plötzlich abgesetzt oder stark reduziert, ist das Gehirn in einem abnormen Zustand. Es kommt zu schweren psychischen und physischen Störungen, wie Schlafstörungen, Albträumen, Ängsten, Fahrigkeit, Vergesslichkeit, Bewegungsstörungen, Übelkeit, Wahrnehmungsstörungen, Desorientierung, Psychosen, … Es kommt dazu, dass Menschen Kot verschmieren, Schampoo trinken, Fernseher zerschlagen, masturbieren, nichts mehr essen und trinken, völlig hilflos werden. Aus diesem Grund hat die Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP) einen Leitfaden zum Absetzten und Reduzieren neuroleptischer Medikamente herausgegeben. Sie müssen langsam ausgeschlichen werden, um dem Gehirn die Anpassungsleistung zu ermöglichen. Wenn sie über einen langen Zeitraum und in hoher Dosierung eingenommen wurden, dauert das Ausschleichen Jahre: [Link]
Mit der Maßnahme „Drug Holiday“, dem abrupten Absetzten der Psychopharmaka, werden quälende psychische und physische Entzugssymptome erzeugt. Und die Strafkammern und Strafvollstreckungskammern schreiben in ihren Urteilen und Beschlüssen, sie wüssten darüber Bescheid?


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